Schoeller, Bemberg, Vitale Barberis Canonico: Drei Häuser, drei Stoff-Traditionen
Schoeller Textil seit 1868, J.G. Bemberg seit 1897, Vitale Barberis Canonico seit 1663: Eine fachredaktionelle Betrachtung der technischen und klassischen Stoff-Tradition zwischen REACH und Bluesign.
Drei Häuser, drei Stoff-Traditionen
Wer in der DACH-Mode-Industrie über die Stoff-Tradition arbeitet, hat es mit einer überschaubaren Zahl ernsthafter Häuser zu tun. Drei von ihnen lassen sich exemplarisch nebeneinander stellen, weil sie drei unterschiedliche Stoff-Welten repräsentieren: die Schoeller Textil AG aus Sevelen in der Schweiz, gegründet 1868, mit ihren technischen Outdoor- und Funktional-Stoffen; die J.G. Bemberg AG (vormals Vereinigte Glanzstoff-Fabriken Bemberg-Werk), die seit 1897 die Kupro- oder Cupro-Faser herstellt und damit eine der frühesten Regenerat-Cellulosen anbietet; und schließlich Vitale Barberis Canonico aus Pratrivero im piemontesischen Biella-Tal, die seit 1663 in zwölfter Generation Anzug-Stoffe webt.
Diese drei Häuser bedienen unterschiedliche Marktsegmente — von der Funktional-Bekleidung der mittleren Preislage über die Hochwert-Konfektion bis zur klassischen Maßschneiderei. Ihnen gemeinsam ist eine Stoff-Kompetenz, die sich nicht über das Marketing definiert, sondern über die belegte Herstellungs-Tradition. Eine fachredaktionelle Übersicht.
Schoeller Textil: technische Funktion seit 1868
Die Schoeller Textil AG mit Sitz in Sevelen, Kanton St. Gallen, geht auf eine 1868 gegründete Spinnerei zurück. Seit dem Wechsel auf High-Tech-Funktional-Stoffe in den 1980er Jahren ist Schoeller in der Outdoor- und Sportmode-Industrie eine Referenz für eigene Veredelungs-Technologien. Drei Produkt-Linien sind dabei in der Branche eingeführt: 3XDRY (eine bidirektionale Veredelung, die Schweiß nach außen leitet und Außenfeuchte abweist), c_change (eine bionische, an die Lotos-Pflanze angelehnte Membran, die mit der Hauttemperatur ihre Durchlässigkeit reguliert) und ecorepel (eine fluorcarbon-freie, biologisch abbaubare Wasserabweisung auf Basis von Paraffin-Wachsen).
Schoeller-Stoffe finden sich in den Kollektionen von Mammut, Vaude, Ortovox, Salewa und einer Reihe technisch orientierter Mode-Marken. Die Wertschöpfung wird in einer Mischung aus Eigenproduktion in der Schweiz und lizenzierten Veredelungs-Partnern in Europa und Asien gehalten. Bedeutsam für die fachredaktionelle Einordnung: Schoeller ist seit 2000 Bluesign-System-Partner — also Teil jenes 1997 in St. Gallen entwickelten Zertifizierungs-Verfahrens, das die gesamte textile Wertschöpfungskette anhand chemischer Eingangs-Kontrolle prüft. Bluesign liegt damit in seiner Logik näher an der REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 als an reinen Endprodukt-Tests.
J.G. Bemberg: Kupro und die Frage der Cellulose-Regenerate
Die Bemberg-Faser — international auch unter dem Namen Cupro bekannt — geht auf das Verfahren zurück, das die J.P. Bemberg AG ab 1897 in Wuppertal industriell entwickelt hat. Grundlage ist die sogenannte Kupfer-Ammoniak-Cellulose-Lösung (auch Cuoxam): Cellulose aus Baumwoll-Linters — den kurzen Faser-Resten, die nach dem ersten Spinnerei-Schnitt am Samen verbleiben — wird in einem Kupfer-Tetrammin-Hydroxid-Bad aufgelöst und anschließend durch ein Spinn-Bad zu einer Endlos-Faser geformt. Das Resultat ist eine Cellulose-Faser mit Seide-ähnlichem Griff und Glanz.
Heute wird Cupro nicht mehr in Deutschland produziert; die Herstellung liegt nahezu vollständig bei Asahi Kasei in Nobeoka, Japan, unter dem Markennamen Bemberg. Die Faser hat in den letzten Jahren eine Wiederentdeckung erlebt — als Futter-Stoff in der Hochwert-Konfektion, weil sie eine kühlende Haptik und ein sehr gleichmäßiges Rutsch-Verhalten besitzt, und in der Hemden-Mode, wo sie eine Alternative zu Viskose darstellt. Die Recycling-Logik — Cellulose aus dem Baumwoll-Rest-Strom, nicht aus dem Holz — ist im Kontext der EU-Textilstrategie und der Diskussion um Mikroplastik wieder relevant geworden. Die Textilkennzeichnungsverordnung (EU) Nr. 1007/2011 führt Cupro als eigenständige Faser-Bezeichnung.
Vitale Barberis Canonico: Wolle aus Biella seit 1663
Vitale Barberis Canonico — kurz VBC — in Pratrivero im italienischen Biella-Tal ist als Anzug-Stoff-Weberei nachweisbar seit 1663 in Familien-Besitz. Damit gehört das Haus zu den ältesten kontinuierlich operierenden Stoff-Webereien Europas. VBC verarbeitet überwiegend Schurwolle aus Australien (Merino, in Qualitäten von Super 110’s bis Super 180’s), zunehmend auch Cashmere und Vicuña in den oberen Kollektions-Linien. Die Garn-Feinheiten werden konsequent über die Mikron-Zahl der Faser nachvollziehbar dokumentiert — Super 130’s etwa entspricht einer Faser-Feinheit von etwa 16,5 Mikron.
VBC liefert an die Maßschneider- und Konfektions-Häuser, die in der DACH-Region die Anzug-Tradition tragen — Knize in Wien (seit 1858), Tessmer in Hamburg, das Berliner Atelier Werner Heesch am Tegelweg —, ebenso an internationale Konfektionäre wie Brioni und Canali. Im Vergleich zu Loro Piana (IT, seit 2013 LVMH-Konzern), das eher das Luxus-Cashmere-Segment besetzt, positioniert sich VBC im seriösen Anzug-Stoff-Markt der mittleren bis oberen Preislage — also bei den Stoffen, aus denen die deutschen Mode-Häuser Peek & Cloppenburg, Breuninger und Wormland ihre Konfektion fertigen lassen.
REACH und Bluesign: zwei unterschiedliche Logiken
Für die fachredaktionelle Einordnung der drei Häuser ist der regulatorische Rahmen wichtig. Die REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 verpflichtet die europäische Stoff-Industrie zur Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe — die berüchtigte Liste der besonders besorgniserregenden Stoffe (SVHC) wächst halbjährlich. Für Stoff-Veredelungen, wie sie Schoeller einsetzt, ist REACH der harte rechtliche Rahmen. Bluesign hingegen — entstanden 1997 in St. Gallen — geht über REACH hinaus, indem es nicht nur Stoff-Output, sondern den chemischen Input am Standort prüft. Beide Systeme schließen sich nicht aus; Bluesign-Partner-Schaft ist faktisch eine REACH-Plus-Position.
Für die Bemberg-Faser ist die Faser-Bezeichnung in der EU-Textilkennzeichnungsverordnung das wichtigere Etikett — sie verpflichtet jeden DACH-Mode-Filialisten und jedes Modehaus, die Faser-Anteile korrekt auszuweisen. Für VBC liegt die Compliance-Last weniger im chemischen, sondern im tier-ethischen Bereich: Australische Wolle ist durch die Mulesing-Praxis und die Frage der Non-Mulesed-Zertifizierung in den Fokus gerückt; VBC weist die Wolle entsprechend aus.
Drei Häuser, drei Antworten
Schoeller hat aus einer Schweizer Spinnerei eine Funktional-Stoff-Marke entwickelt, die international im Outdoor-Segment führt. Bemberg hat eine Faser-Technologie aus dem späten 19. Jahrhundert gehalten und über die japanische Produktion in das 21. Jahrhundert getragen. Vitale Barberis Canonico hat eine 360-jährige Familien-Weberei in die Hochwert-Konfektion europäischer Mode geführt. Drei Antworten auf die Frage, wie Stoff-Tradition unter heutigen regulatorischen und Markt-Bedingungen weitergetragen wird — und worauf eine ernsthafte Mode-Industrie sich strukturell stützt.